Die Herzerlfresserin vom Tollinghof

Die Herzerlfresserin vom Tollinghof – Mitteilung meiner Großmutter Maria Kneissl (1926 bis 1993):

Eine eitle Jungfer lebte einst im Tollinghof am Eingang des Unteren Tollinggraens und war eifrig darum

bemüht ihre Schönheit für alle Zeiten zu erhalten. Eine herum reisende Alte, von der es überall hieß, sie sei

eine Hexe, gab ihr dazu den Rat: Sie solle sich hierzu einfach der vielen Fledermäuse bedienen, welche den

Dachstuhl des Wehrhofes so zahlreich bevölkerten, bedienen. Diese ekelhaften Viecher seien ohnehin zu

nichts nutze und die Menschen hätten ohnehin nur große Angst vor ihnen.

Zum Erhalt der ewigen Jugend solle sie das Blut aus dem Kopf der Fledertiere heraus quetschen und deren

Herzen aufessen. Insbesondere das Herzblut, welches aus dem Leben spendenden und zugleich Leben

erhaltenden Organ kommt, sei dazu in der Lage ewige Jugend zu verleihen. Die törichte Jungfrau machte

sich auch sogleich voller Eifer ans Werk, den Ratschlag der Hexe in die Tat umzusetzen. Man wunderte sich

bald, warum keine einzige Fledermaus mehr den Turm um flatterte, wo doch dort oben zuvor eine riesige

Kolonie der Tiere gehaust hatte. Wie war deren plötzliches Verschwinden zu erklären?

Die Aufklärung darüber erfolgte erst viele Jahre später, als man in der Badestube des Tollinghofes einen

grausigen Fund machte: In einer Badwanne voller Fledermausblut lag die einst so um ihre Jugendlichkeit

bemühte Jungfer, nun in eine hässliche Alte verwandelt. Mit dem Bad in Fledermausblut hatte sie versucht,

ihren Jugendwahn zu verwirklichen. Offenbar war sie dabei an etwas erstickt, das sie zuvor in großer Eile

hinunter zu schlingen versucht hatte. Man öffnete ihr den Mund und fand die Todesursache: Ein hastig

zerkautes Herz einer Fledermaus. Seither sieht man hinter dem vernagelten Fenster im Obergeschoss des

Turmes in Vollmondnächten eine Frauengestalt stehen, von einem unheimlichen Glanz umgeben – die

Herzerlfresserin vom Tollinghof.

 

Artikel von Peter Kneissl