Unveröffentlichte Sagen aus Leoben: Margarethe Maultasch in Göss und „Das Gasthaus zur Kalten Kuchl“

Margarethe Maultasch in Göss und „Das Gasthaus zur Kalten Kuchl“ – Mitteilung meiner Großtante Olga Dokter (1924 bis 2004)

 

Die ringsum gefürchtete Landesherrin von Tirol, Margarethe Maultasch (1318 bis 1369) hatte einst bereits die Vororte der Stadt Leoben auf dem Leitendorfer Feld niederbrennen lassen und wusste nicht, ob sie zuerst die Stadt Leoben oder die adelige Damenabtei Göss angreifen sollte. Keine Grobheit ließ die auch „Schlimme Gretl“ genannte Fürstin aus, die insbesondere in Tirol noch heute durch die dortige Sagenwelt geistert. Auch auf der Jagd legte sich die Böse keinerlei Zügel an und kehrte eines Tages müde in eine Wirtschaft ein. Nach Männerart keifte sie die erschrockene Wirtin an, sie wolle gefälligst eine heiße Suppe haben, da es draußen kalt sei. Die Wirtin fasste sich jedoch unerschrocken ein Herz und entgegnete, dass sie überhaupt nichts Warmes zu Essen im Hause habe. Darauf vergewisserte sich die Maultaschin, dass es sich bei dem Hause, wo sie sich gegenwärtig aufhielt, auch tatsächlich um ein Wirtshaus handelt. Die Wirtin bejahte ihre Frage und brachte zu ihrer Entschuldigung vor, dass die Lebensmittellieferungen heute allesamt ausgeblieben seien. Hierauf erhob sich die Fürstin und verlangte lautstark schimpfend nach einem Stück Kohle. Nicht wissend, welche Verrücktheit die Maultasch nun wieder vorhatte, gab man ihr rasch das Gewünschte. Keifend und tobend stapfte die Grantige nach draußen und schmierte mit der Kohle in riesigen Buchstaben über die Tür des Wirtshauses die Worte „Gasthaus Zur Kalten Kuchl“. Dabei mokierte sie sich auch lautstark über die hinterwäldlerischen Steirer, die nicht einmal eine warme Suppe kochen könnten, wenn so eine noble und feine Dame wie Sie, zur Tür hereinkomme! Dieser Name blieb der Gastwirtschaft bis zur Aufhebung der Gösser Abtei im Jahre 1782, danach wurde es abgerissen. Der genaue Ort der betreffenden Wirtschaft konnte nie ermittelt werden.

 

Von Dr. Peter Kneissl