HEIMATBUCH HAFNING BAND II

Vorwort des Autors:

Nachdem das Echo auf den ersten Band des Hafninger Heimatbuches ein derart fulminantes war (bis auf eine Negativstimme mit zum allergrößten Teil negativer und höchst schulmeisterlicher Kritik), begab ich mich unverzüglich an den zweiten nun vorliegenden Band. Wiederum möchte ich mich bei Frau Vizebürgermeisterin Christine Walenta für ihre wertvolle Mithilfe bedanken – wie auch bei allen noch genauer angeführten Kontakt – und Gewährspersonen.

 

Sagen aus Hafning:

Der Tote Hengst – Mitteilung meiner Großtante Olga Dokter (1924 bis 2004):

Einst lebte auf der Rötzhube ein eitler, brutaler und gewinnsüchtiger Gutsherr, dessen größtes Vergnügen es war, seine Mitmenschen zu prellen und zu betrügen. Nichts war ihm zu schlecht, um die Anderen um ihre Ersparnisse zu bringen. Ja, der Baron war ein in der ganzen Gegend höchst übel beleumundeter und gefürchteter Patron!

Einst hatte er es sich auch nicht nehmen lassen, einer Bäuerin, welche zudem gerade verwitwet war und zudem für acht unmündige Kinder zu sorgen hatte, das beste Stück Vieh aus ihrem Stall zu führen. Die Frau besaß jedoch genug Stolz, um sich nicht wie die Anderen aufs Bitten und Betteln zu verlegen, um den hartherzigen Geizkragen doch noch zur Milde zu bewegen. Auf Milde oder gar Großherzigkeit brauchte man bei diesem Mann ohnehin nicht zu hoffen – dies wäre ohnehin vergebliche Liebesmühe gewesen!

 

Als nun der Baron mit seinen Dienstmannen bei der Witwe erschien, wunderten sich nun alle Anwesenden über deren eigenartige Ruhe, da sie gegen das wucherische Begehren des Edelmannes keinerlei Einspruch erhob oder gar Widerstand leistete. Ihre älteste Tochter sprach zu ihr: „Mutter, warum tust Du denn nichts dagegen? Jeder sagt doch, dass der böse Mensch Unrecht hat – und Du stehst nur stumm da und machst nichts dagegen! Warum nur?“

„Für mich gibt es hier auch nichts zu tun meine Tochter. Das macht ein Höherer für mich, dass dieser anmaßende Dickwanst seine gerechte Strafe kriegt! Die Wilde Jagd wird ihn schon noch einmal eines Besseren belehren! Sei nur ganz ruhig meine Tochter.“

Alle ringsum lachten die standhafte und stolze Bauersfrau aus und das beste Stück Vieh wurde ihr fortgenommen. Der Baron war sich seiner Sache absolut sicher, obwohl ihn bezüglich der Wilden Jagd ein leises Unbehagen und Grauen beschlichen hatte. Damit war nicht zu spaßen! Angeblich hatte der gespenstische Zug in der Gegend schon viel Schaden an Mensch und Tier angerichtet. Aufgeschlitzte Tierleichen mit ausgestochenen Augen und teilweise aufgefressenen Innereien, sowie menschliche Leichen mit grauslich verdrehten oder gar abgetrennten Gliedern, verbrannten oder ausgerissenen Haaren waren schon des Öfteren vorgekommen. Und dann noch das gottlose Gerede von dieser närrischen Bäuerin, die ihn ganz einfach mit der Wilden Jagd bedroht hatte! Nein, damit war fürwahr nicht zu spaßen!

In der nächsten Vollmondnacht kam die Wilde Jagd auch tatsächlich mit einem unglaublichen Sturmwind herangebraust, wie man noch keinen zuvor in der ganzen Gegend erlebt hatte – dem Baron in seiner noblen Behausung wurde indessen drinnen schon Angst und Bang! Plötzlich schlug das Stubenfenster auf und der Anführer der Wilden Jagd, Wotan höchstpersönlich, plärrte hinein: „Gib sofort Dein bestes Stück Vieh aus dem Stall heraus, sonst reiß ich deinen ganzen Besitz mit mir fort, ist das klar! Denk nur einmal drüber nach, wie Du die Leute quälst und ausnimmst – doch damit ist jetzt Schluss! Na, wie ist´s? Überleg es Dir, aber mach schnell!“

Kreidebleich und mit zitternden Knien wankte der Baron hinaus in den Stall und öffnete das Gatter und der beste Hengst, ein prachtvoller Araber, galoppierte ins Freie. Sofort wurde das edle Ross von der Wilden Jagd mit fortgerissen und fand sich unverzüglich auf dem achtbeinigen Totenross wieder und war auch schon im nächsten Augenblick über die Kuppe hinab mit der Wilden Fuhr verschwunden!

Der Sturmwind heulte noch einige Zeit weiter und der stolze Gutsherr saß bewegungslos und wie erstarrt vor seinem Stall auf dem Boden. Plötzlich griff die Reue nach ihm und er brach ob seines schändlichen und schmählichen Verhaltens in Tränen aus. Plötzlich tippte ihm jemand auf die Schulter und er starrte als er sich umwandte voller Schreck geradewegs ins Antlitz besagter Bäuerin, der er die beste Kuh aus dem Stall hatte nehmen lassen.

 

„Nun gnädiger Herr, warum plötzlich so kleinlaut und weinerlich? Dies steht Euch aber wahrlich schlecht an! War denn gar die Wilde Fuhr schon bei Euch? Recht so!“, fragte die Bäuerin scheinheilig. Unfähig zu sprechen stammelte der Baron einige wirre Worte. Die Frau sprach jedoch weiter: „Wo Du dein edles Ross finden wirst, soll es dir eine Lehre für dein weiteres Leben  sein – und die Leute werden noch in mehr als 100 Jahren über Dich und den Toten Hengst sich erzählen! Nun nimm es Dir zu Herzen und lebe wohl!“ Damit war die Bäuerin auch plötzlich verschwunden.

In seiner Feigheit getraute sich der Gutsherr jedoch einige Tage lang nicht, nach dem verlorenen Pferd zu suchen. Nach drei Tagen fand man die Tierleiche des einstmals so edlen Rosses grausam entstellt wie nach einem Hagelschlag am Fuße des nächsten Abgrundes liegen. Teilweise war das Fell bis zur Unterhaut abgefetzt, die Läufe standen furchtbar verdreht vom Körper ab, ein Ohr war komplett abgefetzt und der größte Teil der Zähne wie das zweite Ohr lagen dicht neben dem Kadaver. Erneut vom Grauen gepackt fiel der Baron auf die Knie nieder und gelobte fortan Besserung für sein weiteres Leben. Und tatsächlich: Plötzlich war der mildtätige und fürsorgliche Mann nicht wiederzuerkennen und nichts an ihm erinnerte mehr an den Tyrannen und Griesgram der früheren Tage! An seine nächtliche Begegnung mit der Wilden Jagd erinnert heute noch der Gegendname „Toter Hengst“ für einen Abhang in Hafning, wo sich gegenwärtig ein Damwildgatter des Barons Kübeck – Montenuovo befindet.

Wie das Mineral Zinnober in den Berg kam – Mitteilung meiner Großtante Aloisia Kneissl (1924 bis 1999):

Am Mineral Zinnober ist dessen charakteristische Rotfärbung sehr auffällig. Wie kam nun diese sonderbare Färbung ins Gestein? Einst ging ein Chorherr über die Abhänge der Krumpen hinab in Richtung Hafning und trug als seinen kostbarsten Schatz einen Kelch vom Blut des Erlösers Jesus Christus mit sich. Da er darüber von Glückseligkeit berauscht war, bemerkte er nicht, wie sich hinter ihm ein starkes Schneegestöber zusammenbraute. Er war so voll Gottvertrauen, dass er sich durch den aufkommenden Schneesturm nicht beirren ließ und dessen völlig ungeachtet seinen Weg fortsetzte.

Plötzlich wurde er jedoch von dem immer heftiger ihn anwehenden Schneesturm vornüber geworfen, der Kelch fiel ihm aus der Hand und das kostbare Blut des Erlösers versickerte in den schneebedeckten Boden. Der fromme und gottesfürchtige Mann fand den Tod im Schnee und sowohl sein Fleisch wie auch sein Gebein waren längst vermodert, als man im Gestein der Krumpen ein Mineral von seltener roter Farbe entdeckte. So war das Zinnober aufgrund des Bergbaues der Menschen an die Erdoberfläche gekommen, welches durch das aus dem Kelch des Chorherrn ausgeflossenen Blut entstanden war.

Verwendete Literatur:

Kneissl, Peter: Unbekannte Sagen aus der Leobener Gegend. Leoben, 2012. 12 Seiten.