Geheimnisvoller Klusfelsen, Teil 1

Geheimnisvoller Klusfelsen, Teil 1

Von Mike Vogler 

 

Die Stadt Goslar im Harz ist von Alters her von historischer Bedeutung für Deutschland. Ihren Namen verdankt die Stadt dem Flüsschen Gose, einem Nebenarm der Abzucht, welche durch Goslar fließt.

Archäologische Funde am Erzbergwerk Rammelsberg bezeugen, dass die Gegend um das heutige Goslar bereits im 3. Jahrhundert für Bergbautätigkeiten genutzt wurde.

Erste urkundliche Erwähnung fand die Stadt 979 durch Otto II., dem Enkel Heinrichs I., welcher als   der Begründer des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation gilt.

Ab dem frühen 11. Jahrhundert galt Goslar mit seiner Pfalz als bedeutender Stützpunkt des Kaiserreiches. Bis ins Spätmittelalter wurde das deutsch- römische Reich mit Hilfe des sogenannten Reisekönigtums regiert, wobei die Kaiserpfalzen dem jeweiligen Regenten als vorübergehender Wohn- und Regierungsort dienten.

 

Mit dem Bau der ersten Pfalz in Goslar wurde bereits 1005 unter Heinrich II. begonnen, welcher am 14. Februar 1014 in Rom zum Kaiser gekrönt wurde. Bis Mitte des 13. Jahrhunderts war die Kaiserpfalz in Goslar fester Bestandteil der Reichsregierung. Nach einer sich anschließenden wechselvollen Geschichte mit Zerstörung durch verheerende Brände, Wiederaufbau und mehrfacher Umgestaltung ist die Kaiserpfalz heute ein touristischer Anziehungspunkt in Goslar.

In der Zeit des 3. Reiches errang Goslar einen zweifelhaften Ruf als Reichsbauernstadt. Der Bauernstand war wesentlicher Bestandteil der nationalsozialistischen Blut-und-Boden-Ideologie. Reichsführer Heinrich Himmler, selbst diplomierter Landwirt, sagte einmal: “Der freie Bauer auf freier Scholle ist das stärkste Rückgrat deutscher Volkskraft und völkischer Gesinnung.“ Reichsbauernfüher Walther Darré ließ 1934 bis 1938 großangelegte „Reichsbauerntage“ abhalten. Neben dem bäuerlich ausgerichteten Volksfestcharakter beinhalteten die Festlichkeiten auch Aufmärsche von SS, SA und einem örtlichen Jägerbataillon. Bei einer schon fast religiös anmutenden Abschlussveranstaltung wurden die Tausenden anwesenden Bauern im Schein von unzähligen Fackeln auf dem Vorplatz der Kaiserpfalz auf den Führer Adolf Hitler „eingeschworen“.  1934 nahm Hitler persönlich am Reichsbauerntag in Goslar teil. 

Dass die Stadt Goslar neben ihrer historischen Bedeutung für die Geschichte Deutschlands auch eine frühzeitliche Kultstätte zu bieten hat, ist nur wenig bekannt. Die faszinierende Felsformation des Klusfelsens liegt am Rande der Stadt Goslar versteckt hinter einer Siedlung Einfamilienhäuser. Wenn auch bedeutend kleiner als die im Teutoburger Wald gelegenen Externsteine übt der Klusfelsen eine fast magisch zu nennende Anziehungskraft aus, welcher sich der Besucher nur schwer entziehen kann.

Rein geologisch betrachtet handelt es sich beim Klusfelsen um einen Sandsteinfelsen, welcher als knapp 20 Meter hohe und 50 Meter lange Felsrippe aus der Unterkreidezeit stammt. Wissenschaftler nehmen an, dass der Klusfelsen in etwa vor 110 Millionen Jahren in einem Flachmeer entstanden ist.

 

Der Klusfelsen muss schon auf unsere frühen Vorfahren eine beeindruckende Wirkung ausgeübt haben, davon zeugen uralte Bearbeitungsspuren. Der grenzwissenschaftliche Forscher Siegfried Hermerding vermutete in diesem Zusammenhang sogar atlantische Bezüge, wobei er sich auf die von Jürgen Spanuth geäußerte Theorie berief, welcher das mythische Atlantis im Nordseeraum vermutete. 

 

Als Beweis für seine Thesen führte Hermerding die am Klus vorhandenen Felsreliefs und Groß-Stein-Skulpturen an, welche in atlantischen Zeiten entstanden sein sollen. Da es sich hier aber um sehr spekulative Vermutungen handelt, soll eine mögliche Verbindung vom Klusfelsen mit den Atlantern nicht weiter verfolgt werden. Allerdings besteht die berechtigte Annahme, dass im Harz siedelnde germanische Stämme den Klusfelsen für religiöse Zwecke genutzt haben. 

 

Durch den schriftlichen Nachlässen von römischen Schreibern wie Tacitus oder Cassidor sowie den Aufzeichnungen Reisender aus der Frühzeit, können wir uns heute ein ungefähres Bild von den religiösen Stätten der Germanen machen. So ist mit ziemlicher Sicherheit davon auszugehen, dass es sich beim Klusfelsen um ein religiöses Zentrum unserer frühen Vorfahren handelt. Zu erkennen ist das an den für Kultstätten typischen Merkmalen. Da sind zunächst die Kulträume, wie der untere Felsenkeller und mehrere Räume im oberen Teil der Felsformation. Von diesen ist nur noch der heute als Kluskapelle bekannte Teil begehbar. Der Zugang zu den weiteren Räumlichkeiten ist vermauert. Anscheinend wurde am Klusfelsen der bei den Germanen so beliebte Sonnenkult betrieben. Neben dem Eingang zur Kluskapelle befindet sich eine ebenfalls zugemauerte Öffnung, welche genau gegenüber der vermauerten Stelle innerhalb des Raumes liegt. Der Raum war anscheinend eine Art „Sonnenkammer“, wie wir sie auch von den Externsteinen kennen. Solcher Art Räume fanden speziell während der Sonnenwendfeiern Verwendung. Die Öffnungen haben unsere Vorfahren wohl einstmals so geschaffen, dass bei den Sonnenwendfeiern zu bestimmten Tageszeiten die Sonne hindurch strahlte. Zudem gibt es am Klusfelsen die für Kultstätten charakteristischen uralten Treppenanlagen, mehrere in den Felsen geschlagene Sitzgruppen sowie verschiedene Felsreliefs, welche vorchristliche Götterfiguren symbolisieren. Zudem ist eine sogenannte Rufrinne vorhanden, welche nach Meinung von Frühgeschichtsforschern zur Anrufung der Götter verwendet wurde. Vergessen sollte auch nicht das obligatorische Felsengrab sein, welches heute ebenfalls vermauert ist. In solche „Gräber“ legten sich die Stammespriester oder auch die berühmten weisen Frauen, um Visionen über die Zukunft zu erhalten.

 

Historisch belegt ist die Tatsache, dass die Höhlenräume im Klusfelsen bis ins frühe 11. Jahrhundert von Einsiedlern, sogenannten Klausnern bewohnt wurden. Daher auch der Name Klus. Klausner waren meist streng religiöse Menschen, welche in der Abgeschiedenheit eine besondere Verbindung zu ihrem Gott suchten.

Eine weiterführende christlich geprägte Nutzung der Anlage ist etwa ab dem Jahr 1050 anzunehmen. Ab diesem Zeitpunkt sollte dem Klusfelsen das gleiche Schicksal wie so vielen vorchristlichen Kultstätten widerfahren.

 

Im Zuge der Christianisierung war es gängige Praxis der Kirche, heidnische Kultplätze und Versammlungsorte zu übernehmen und diese für ihre Zwecke zu nutzen. Oft wurden jene Plätze mit den steinernen Gotteshäusern der Christen überbaut. Die Kirche wollte es den „Heiden“ so leichter machen, sich an die neue Religion zu gewöhnen. Handelte es sich um Örtlichkeiten, welche dem Klerus unpraktisch erschienen oder wenn eine Bebauung nicht möglich war, wurden jene heidnischen Kultstätten mit christlicher Symbolik verziert. So versuchte der Klerus, die alten Religionen aus dem Gedächtnis der kommenden Generationen zu löschen. Es war Papst Gregor I., welcher im Jahre 601 seinen Missionaren den offiziellen Auftrag erteilte, heidnische Kultplätze nicht zu zerstören. Vielmehr sollten diese durch Besprengen mit Weihwasser geweiht und mit christlichen Symbolen versehen werden. Später ging man dann dazu über, an jenen Stellen Kirchen und Kapellen zu errichten.

 

So geschah es auch am Klusfelsen in Goslar. 

Über die Umfunktionierung des Klusfelsens zu einer christlichen Stätte gibt es eine schöne Geschichte. Darin wird die Einrichtung der Kapelle im Klusfelsen Agnes, der Frau von Kaiser Heinrich III., zugeschrieben. Grund dafür war die ungerechte Verurteilung und Hinrichtung eines Kammerdieners am kaiserliche Hofe. Es wird berichtet, dass Agnes eines Tages ein kostbares Geschmeide vermisste. Der Verdacht fiel auf eben jenen Kammerdiener, welcher als einziger Bediensteter Zutritt zu den Gemächern der Edelfrau hatte. Obwohl der unglückliche Diener die Tat standhaft bestritt, wurde er verurteilt und hingerichtet. Wenig später wurden die Schmuckstücke im Nest einer Elster entdeckt, was die Unschuld des Kammerdieners bewies. Dies nützte dem armen Mann allerdings wenig. Bestürzt über dass Unrecht, welches dem Kammerdiener widerfahren war, bat Agnes den Kaiser, aus Sühne auf dem Petersberg ein Kloster zu errichten. Da die Bauarbeiten nur langsam von statten gingen, ließ Agnes im nahe gelegenen Klusfelsen eine Kapelle einrichten. Dort soll sie jeden Tag für das Seelenheil des unschuldigen Diener gebetet haben. Sicherlich handelt es sich bei der Geschichte jedoch nur um eine schöne Legende. Zwar wurde 1869 am Klusfelsen ein Urnengrab entdeckt, allerdings ist es fraglich, ob es sich dabei um das Grab des unglücklichen Kammerdieners handelte.Nicht zuletzt aus dem einfachen Grund, dass zu jener Zeit die Feuerbestattung von der Kirche verboten war.

Die Errichtung des Klosters St. Peter und der Kluskapelle hatte ganz andere Gründe.

 

Laut meinen Recherchen handelte es sich beim Petersberg um eine dem germanischen Göttervater Wodan geweihte Stätte. Im Zuge der Christianisierung war es gängige Praxis, die obersten germanischen Gottheiten mit den Aposteln der Evangeliengeschichten gleich zu setzen. Im vorliegenden Fall wurde aus Wodan St. Peter gemacht, eine andere Bezeichnung für Simon Petrus, neben Jesus die wichtigste männliche Person der Evangelien. Bekanntlich war der christlichen Kirche jedes Mittel recht, den „Heiden“ die neue Religion mit aller Macht aufzuzwingen. Neben körperlicher Gewalt wurde auch zu solchen psychologische Maßnahmen ergriffen. Den Menschen wurde eingeredet, dass es falsch sei, noch an die alten Götter zu glauben. Die jeweiligen Verehrungsstätten der vorchristlichen Gottheiten wurden in feierlichen Zeremonien verschiedenen Gestalten der biblischen Geschichte geweiht. Aus dem ehemaligen Kalkberg, der Verehrungsstätte für Wodan, wurde der Petersberg. Die Kirche war darauf aus, alle noch im Verborgenen vorhandenen Glaubensansätze an Göttervater Wodan zu unterbinden. Möglicherweise wurden auf dem Petersberg heimlich noch „heidnische“ Rituale praktiziert. Mit dem Bau des Klosters konnte dieses nun unterbunden werden. Im Zuge der Baumaßnahmen wurde die bereits von christlichen Klausnern bewohnte Kultstätte am Klusfelsen in eine Marienkapelle umgewandelt.

 

Kaiser Heinrich III. war ein sehr frommer Mann, der sich während seiner Regierungszeit unablässig für die Stärkung der Kirche einsetzte. Seine Kirchenpolitik gilt bis heute als legendär. Wir können also davon ausgehen, dass die Geschichte von seiner Frau als Stifterin des Klosters St. Peter tatsächlich nur eine Legende ist.

 

In den folgenden Jahrhunderten blühte das klerikale Leben im St.-Peters-Stift auf. Das Kloster wurde zum religiösen Mittelpunkt der Gegend. Mehrere Pröbste aus St. Peter stiegen zu hohen Ämtern in der Kirche auf. Zu Beginn des 15. Jahrhunderts verlor das Kloster auf dem Petersberg jedoch zunehmend an Bedeutung. Die Zahl der Mönche nahm drastisch ab, die Einnahmen wurden mit jedem Jahr geringer, so dass dringend nötige Reparaturen an den Klostergebäuden nicht mehr vorgenommen werden konnten. Auch die Übernahme des St.-Peters-Stifts durch den Franziskanerorden konnte den Verfall des Klosters nicht mehr aufhalten. Im Jahr 1500 trat die Kirche das inzwischen unbewohnte Kloster an die Stadt Goslar ab. 

 

Da die Stadtväter keine Verwendung für die Gebäude hatte, verfiel die Anlage zusehends. Das endgültige Aus kam 1527. Eine bereits vier Jahre andauernde Fehde zwischen der Stadt Goslar und Herzog Heinrich II. von Braunschweig kam zum Ausbruch. Grund für die Streitigkeiten waren Heinrichs Besitzansprüche auf das Bergwerk am Rammelsberg bei Goslar. Der Herzog ließ im Frühsommer 1527 zur Eroberung Goslars sein Heer rüsten. Um dem Gegner keine naheliegende Deckung sowie Rückzugsmöglichkeiten zu bieten, ließen die Goslaer Stadtväter alle außerhalb der Stadtbefestigung befindlichen Bauwerke zu zerstören, so auch das St. Peters-Stift. 

Mit der Aufgabe des Klosters im Jahre 1500 durch die Kirche wurde auch die Kapelle im Klusfelsen kaum noch für religiöse Zwecke verwendet. Nach und nach verschwand die Einrichtung der Kapelle und die Felsenkammern wurden von armen Leuten als Wohnräume benutzt. Lange Zeit war es ruhig um die Felsformation am Rande von Goslar. Gesicherte Informationen über den Klusfelsen gibt es erst wieder seit dem späten 18. Jahrhundert. Zu jener Zeit hatte es sich ein Goslaer Ehepaar im Klusfelsen recht wohnlich gemacht. Auf dem Vorplatz zur ehemaligen Kapelle hatten die Leute einen hölzernen Anbau an die Felsräume errichtet, welcher bei einem unglücklichen Brand vernichtet wurde. Die obdachlos gewordene Familie verzichtete auf einen Wiederaufbau ihrer Wohnstatt. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts nahmen sich Bergrat von Falkenberg und Oberfaktor Cramer von Clausbruch des verwaisten Klusfelsens an und machten daraus eine Anlage im englischen Stil. Es wurden Treppen angebracht, steinerne Sitzbänke errichtet und der Kapellenvorplatz ausgebaut. Der Kapellenraum selbst wurde neu eingerichtet und erneut der Mutter Gottes geweiht. Die neugestaltete Klus-Anlage entwickelte sich zu einem beliebten Ausflugsziel, wurde auch in verschieden Schriften erwähnt. So schrieb der Berliner Professor Christian Gottfried Stein in seinen 1827 erschienenen „Reisen durch Mitteleuropa“: „Vor dem breiten Tor am Petersberg befindet sich in der schönen englischen Anlage des Herrn von Falkenberg ein 60 Fuß hoher Sandsteinfelsen, die Claus oder Cluse genannt, mit ausgehauenen Räumen und von Anlagen umgeben, sie werden schon im 12. Jahrhundert erwähnt.“

 

Literaturverzeichnis

Verlag und Jahr beziehen sich auf die jeweils vom Autor verwendete Ausgabe; soweit bekannt, steht das Erscheinungsjahr der Originalausgabe in Klammern

Betha, Ernst „ Die Erde und ihre Ahnen“, Deutschherren-Verlag 2001 (1913)

Gorsleben, Rudolf John „Hochzeit der Menschheit“, Hag-All Verlag/2005 (1930)

Griep, Hans-Jürgen „Harzer Legenden“, Verlag August Thuhoff/ 2003 (1989)

Hermerding, Siegfried/

Lassen, Nis/Raub, Eva „Die Magier vom Klus“, Verlag Joachim Hermerding 1995 (1987)

Katholing, Winfried „Die Groß-Steinskulturen-Kultplätze der Steinzeit?“, BoD 2001

Machalett, Günther „Die Kluskapelle in Goslar“, Hagenberg Verlag 1982

Mund, Rudolf J. „Fragmente einer verschollenen Religion“, Deutschherren-Verlag /2002

„Der Rasputin Himmlers“, Zeitreisen- Verlag 2011 (1982)

Vogler, Mike „Mysterium Heiliger Gral“, Bohmeier Verlag/2010

„Hexen,Teufel und Germanen“, Bohmeier Verlag/ 2012

von Ricklingen, Gerwin „Renaissance eine verlorenen Mythos“, Forsite Verlag 2009